{"id":13916,"date":"2015-10-03T11:49:26","date_gmt":"2015-10-03T09:49:26","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=13916"},"modified":"2015-10-03T11:57:30","modified_gmt":"2015-10-03T09:57:30","slug":"merkel-vs-winkler-oder-kann-es-zuviel-hilfsbereitschaft-geben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=13916","title":{"rendered":"Merkel vs. Winkler oder: Kann es &#8222;zuviel Hilfsbereitschaft&#8220; geben?"},"content":{"rendered":"<p>Das h\u00e4tte ich mir auch nicht tr\u00e4umen lassen, da\u00df ich einmal die Bundeskanzlerin gegen einen unserer f\u00fchrenden Historiker in Schutz nehmen mu\u00df.<\/p>\n<p>Aber ich tue es. Mein Tagebuch ist ohnehin &#8222;antizyklisch&#8220; (so hie\u00df das einmal bei Plisch und Plum, also Franz Josef Strau\u00df und Karl Schiller, im Kabinett Kiesinger der 60er Jahre). Es kommt letztlich nie auf Meinungsumfragen an, sondern auf die Kraft der Argumente. Je st\u00e4rker der Gegenwind, umso verdienstvoller ist es, sich ihm mit guten Argumenten entgegenzustellen.<\/p>\n<p>Der 70j\u00e4hrige Heinrich August Winkler ist einer der renommiertesten deutschen Historiker. Er hat &#8211; mancher wird sich noch daran erinnern &#8211; am 8. Mai 2015 im Bundestag die Rede zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs gehalten.<\/p>\n<p>&#8222;Wer h\u00e4tte sich nicht gefreut&#8220;, schreibt Winkler zu Beginn eines Gastbeitrages f\u00fcr die F.A.Z. (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/fluechtlingskrise\/gastbeitrag-deutschlands-moralische-selbstueberschaetzung-13826534.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">hier<\/a> nachzulesen), &#8222;als Zehntausenden Fl\u00fcchtlingen in M\u00fcnchen und andernorts ein freundliches Willkommen zuteilwurde&#8220;. Das klingt positiv, enth\u00e4lt aber versteckt ein deutliches Aber. Und das zieht sich durch den ganzen Beitrag, den man kurz und b\u00fcndig so zusammenfassen k\u00f6nnte: ist ja alles sch\u00f6n und gut, aber &#8230;<\/p>\n<p>Es ist ein kluger, lesenswerter Artikel, der aber (leider!) einen gar nicht so sch\u00f6nen, oft befremdlichen\u00a0 Subtext hat.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt schon mit dem Titel an: &#8222;Deutschlands moralische Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung&#8220;. Es ist ja keineswegs &#8222;Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung&#8220;, wenn man Menschen in Not hilft. Die Helfer, die zu den Bahnh\u00f6fen geeilt sind, wollten damit nicht beweisen, wie moralisch Deutschland ist, sie wollten einfach nur &#8211; helfen. Da\u00df es, f\u00fcr die ganze Welt \u00fcberraschend, so viele waren, kann man nur kritisieren, wenn man einen verqueren Blick auf die Wirklichkeit hat. Es trifft auch nicht zu, da\u00df &#8222;Deutschland&#8220; sich mit der eigenen Hilfsbereitschaft gebr\u00fcstet h\u00e4tte. Der Tenor in den Medien war eher ein gro\u00dfes Erstaunen: so wie wenn etwas eintritt, das man \u00fcberhaut nicht erwartet h\u00e4tte. Die wenigen selbstgef\u00e4lligen Bemerkungen kamen erst viel sp\u00e4ter und aus dem Munde nicht ganz so bedeutender Politiker.<\/p>\n<p>Winkler schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Manche Deutsche neigten zu sonderbaren Bekundungen eines vage \u201elinks\u201c anmutenden Nationalstolzes, der nicht frei war von Z\u00fcgen der Selbstgef\u00e4lligkeit, ja der Selbstgerechtigkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist nun wirklich kein Subtext mehr, sondern fast schon eine Denunziation. Was ein &#8222;links anmutender Nationalstolz&#8220; ist, erschlie\u00dft sich mir nicht. Die politische Linke war doch immer <em>gegen<\/em> jeden Nationalstolz, sie war ja im Laufe ihrer Geschichte nicht einmal in der Lage, zwischen Patriotismus und Nationalismus zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Und noch eines: die Freude, die jeder halbwegs normale Mensch empfindet, wenn er anderen helfen kann, ist doch um Himmels willen keine &#8222;Selbstgerechtigkeit&#8220;!<\/p>\n<p>Man merkt, da\u00df Winkler die ganze Sache nicht geheuer, ja fast zuwider ist. Da\u00df Deutschland auf einmal zu einem &#8222;Sehnsuchtsland&#8220; geworden sei, habe ein bekannter Sozialpsychologe &#8222;wohlgef\u00e4llig&#8220; (!) geschrieben. Winkler fragt s\u00fcffisant, ob Deutschland jetzt die &#8222;moralische Leitnation Europas&#8220; und eine &#8222;Gro\u00dfmacht der Werte&#8220; sein wolle.<\/p>\n<blockquote><p>Soll am gel\u00e4uterten deutschen Wesen nunmehr, wenn schon nicht die Welt, so doch Europa genesen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Er spricht von einer &#8222;neuen deutschen Sendung&#8220;, von einer &#8222;Erl\u00f6sernation&#8220;, die &#8222;weltweit das Gute verwirklichen&#8220; will und meint:<\/p>\n<blockquote><p>Dem neuen deutschen Selbstbewusstsein haftet etwas eigent\u00fcmlich Verstiegenes an.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber warum dieser ironische Ton? Warum wirken alle seine S\u00e4tze \u00fcber &#8222;Deutschland&#8220; vergiftet? Man wird das Gef\u00fchl nicht los, da\u00df Winkler selbst sich hier verstiegen hat. Er will diese sch\u00f6ne Geste der Deutschen auf Biegen und Brechen schlechtreden. Aber gibt es denn so etwas \u00fcberhaupt: <em>zuviel<\/em> Hilfsbereitschaft?<\/p>\n<p>Angela Merkel hat aus einem politischen und moralischen Instinkt heraus eine richtige Entscheidung getroffen. Sie hat die syrischen Fl\u00fcchtlinge, damals fast alles Familien mit kleinen Kindern, aus den H\u00e4nden des ungarischen Regimes gerettet. Da\u00df sie so energisch gehandelt hat und bis heute dazu steht (auch wenn der gl\u00fccklose Seehofer jetzt seine gro\u00dfe Zeit kommen sieht), das h\u00e4tte ich ihr nicht zugetraut.<\/p>\n<p>Man kann sie nur bewundern.<\/p>\n<p>Alles andere, was Winkler dann \u00fcber die praktische Bew\u00e4ltigung des Fl\u00fcchtlingsstroms (und seine Begrenzung) schreibt, ist wieder vern\u00fcnftig. Aber das ist jetzt die Aufgabe der Politiker. Nat\u00fcrlich ist das Boot irgendwann voll: Deutschland ist ja, verglichen mit den gro\u00dfen Einwanderungsl\u00e4ndern Kanada, Australien und den USA, ein kleines Land, das die vielen Fl\u00fcchtlinge schon jetzt kaum mehr unterbringen kann. Wenn man die Fl\u00fcchtlinge nicht mehr beherbergen kann, mu\u00df man sie schon an den Grenzen zur\u00fcckweisen.<\/p>\n<p>Aber das ist eine Sache der praktischen Vernunft. Mit der s\u00fcffisanten Denunzierung der deutschen Hilfsbereitschaft und der angeblichen &#8222;Selbstgerechtigkeit&#8220; hat das nichts zu tun. Hier wird von Winkler &#8211; leider &#8211; ein Popanz aufgebaut, den man einem so vern\u00fcnftigen Mann nicht zugetraut h\u00e4tte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das h\u00e4tte ich mir auch nicht tr\u00e4umen lassen, da\u00df ich einmal die Bundeskanzlerin gegen einen unserer f\u00fchrenden Historiker in Schutz nehmen mu\u00df. Aber ich tue es. 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