{"id":12904,"date":"2015-02-27T23:55:12","date_gmt":"2015-02-27T22:55:12","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=12904"},"modified":"2015-02-28T09:36:17","modified_gmt":"2015-02-28T08:36:17","slug":"die-stueckezertruemmerer-des-deutschen-theaters-frech-wie-oskar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=12904","title":{"rendered":"Die St\u00fcckezertr\u00fcmmerer des deutschen Theaters &#8211; frech wie Oskar"},"content":{"rendered":"<p>Den Deutschen B\u00fchnenverein werden die meisten Menschen nicht einmal dem Namen nach kennen. Es ist die (als eingetragener Verein organisierte) Interessenvertretung der deutschen Theater und Opernh\u00e4user.<\/p>\n<p>Jetzt ist der B\u00fchnenverein mit Forderungen an die \u00d6ffentichkeit getreten, \u00fcber die man sich &#8211; gelinde gesagt &#8211; nur wundern kann.<\/p>\n<p>Angefangen hat alles mit einer Inszenierung von Brechts St\u00fcck <em>Baal <\/em>am M\u00fcnchner Residenztheater. Der Suhrkamp-Verlag, der\u00a0 das Urheberrecht an dem St\u00fcck besitzt, wollte die Inszenierung von Frank Castorf verbieten lassen, weil Castorf ohne Absprache &#8222;umf\u00e4nglich Fremdtexte verwendet&#8220; habe. Castorf, das mu\u00df man wissen, hat den Beinamen &#8222;St\u00fcckezertr\u00fcmmerer&#8220;: von den St\u00fccken, die er inszeniert, bleibt oft nichts \u00fcbrig. Auch im Fall Baal hat er nach Herzenslust fremde Texte hinzugef\u00fcgt und, wie man lesen kann, von den Schauspielern lang und breit Szenen aus dem Film <em>Apocalypse Now Redux <\/em>nachspielen lassen. Auch das ist typisch f\u00fcr das Regietheater: statt da\u00df man sich ganz auf den Schauspieler und das Wort konzentriert, so da\u00df es im Theater, wenn alles gelingt, mucksm\u00e4uschenstill wird, findet sich der Zuschauer in einem Folterkeller von Bildern, Videos und Ger\u00e4uschkulissen wieder. Nicht nur der Autor wird also von diesen Regisseuren im Grunde verachtet und kleingemacht, sondern das Wort selbst, das im multimedialen Brimborium zu Tode kommt.<\/p>\n<p>Inzwischen haben sich die streitenden Parteien auf einen Vergleich geeinigt. Zweimal darf die Baal-Inszenierung noch gezeigt werden, dann ist Schlu\u00df. F\u00fcr den B\u00fchnenverein ist die Sache freilich noch nicht ausgestanden. Er fordert &#8211; praktisch &#8211; die Abschaffung des Urheberrechts an den deutschen B\u00fchnen.<\/p>\n<p>&#8222;Das kann so nicht weitergehen&#8220;, sagt sein Direktor Rolf Bolwin. Und er f\u00e4hrt fort (zitiert nach dem Feuilleton der F.A.Z. vom 21. Februar):<\/p>\n<blockquote><p>Der Rechtsstreit zeige, wie sehr das Urheberrecht mittlerweile die Freiheit der Kunst behindere. Aus Sicht des B\u00fchnenvereins entspricht das Urheberrecht heutiger Auff\u00fchrungspraxis in keiner Weise.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, und? Wenn Urheberrecht und Auff\u00fchrungspraxis nicht vereinbar sind, warum soll man dann das <em>Urheberrecht<\/em> abschaffen? Man kann ja auch die rechtswidrige <em>Auff\u00fchrungspraxis<\/em> beenden!<\/p>\n<p>Aber Bolwin wird noch dreister:<\/p>\n<blockquote><p>Es sei unrealistisch, von einem Regisseur zu verlangen, auf Fremdtexte in der Inszenierung eines St\u00fcckes zu verzichten, um einen Urheber wie Brecht zu sch\u00fctzen, der fast sechzig Jahre tot ist.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Das nervt ja auch wirklich: da ist der Brecht schon Jahrzehnte tot, und man darf seine St\u00fccke immer noch nicht verhunzen, verfremden und mit den eigenen feuchten, pubert\u00e4ren Regisseurstr\u00e4umen verunstalten! Eine Frechheit ist das!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Er, der Brecht, ist doch nur der Autor &#8211; aber <strong>ich<\/strong>, denkt sich der Herr Regisseur, oder besser: <strong>ICH<\/strong>, oder, noch genauer:<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">ICH BIN DER REGISSEUR.<\/h1>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Und du bist nur ein kleines<br \/>\n(noch dazu totes) Schriftstellerlein!<\/h3>\n<p>Alle St\u00fccke darf ich zertr\u00fcmmern und bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndern, von Sophokles \u00fcber Shakespeare bis Lessing und Ibsen &#8211; und vor dem alten Brecht soll ich Halt machen?<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ja noch sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>Das alles geht dem B\u00fchnenverein aber noch nicht weit genug. Sein Direktor entwirft deshalb mit wenigen Federstrichen eine kompakte Poetologie des Theaters:<\/p>\n<blockquote><p>Ziel der Auff\u00fchrung eines seit Jahrzehnten existierenden Werkes m\u00fcsse es sein, es mit der heutigen Sicht eines Regisseurs auf die Welt zu konfrontieren. Wenn es dazu zus\u00e4tzlicher Texte bed\u00fcrfe, sollten die Erben das durchs Urheberrecht nicht verhindern k\u00f6nnen. Das werde der vom Grundgesetz gesch\u00fctzten Freiheit der Kunst nicht gerecht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich habe, das mu\u00df ich gestehen, selten eine so dreiste, unverfrorene Rechtfertigung des\u00a0 Regietheaters gelesen &#8211; und eine dazu, die von einer so arroganten Verachtung f\u00fcr den Autor und seine Rechte zeugt.<\/p>\n<p>Und das ist leider ein weiterer Grund, diese Art des Theaters auch in der Zukunft zu meiden wie die Pest.<\/p>\n<p>La\u00dft uns deshalb, bis das Theater wieder zur Vernunft kommt, die St\u00fccke einfach <em>lesen<\/em>! Dazu braucht man keinen Regisseur und keinen B\u00fchnenverein. Man braucht nur ein bi\u00dfchen Neugier, und vielleicht (aber das mu\u00df nicht unbedingt sein) ein Buch, aus dem wir mehr \u00fcber den Autor und seine Zeit erfahren.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich nur ein Notbehelf, denn ein St\u00fcck geh\u00f6rt nun einmal auf die B\u00fchne. Aber so k\u00f6nnen wir wenigstens in diesem theatralischen <em>winter of our discontent<\/em>\u00a0 mit Anstand \u00fcberwintern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Deutschen B\u00fchnenverein werden die meisten Menschen nicht einmal dem Namen nach kennen. Es ist die (als eingetragener Verein organisierte) Interessenvertretung der deutschen Theater und Opernh\u00e4user. 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