{"id":1213,"date":"2011-07-08T00:17:06","date_gmt":"2011-07-07T22:17:06","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1213"},"modified":"2011-07-08T00:17:06","modified_gmt":"2011-07-07T22:17:06","slug":"uber-die-einmischung-der-naturwissenschaften-in-fremde-angelegenheiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1213","title":{"rendered":"\u00dcber die Einmischung der Naturwissenschaften in fremde Angelegenheiten"},"content":{"rendered":"<p>In einer Buchbesprechung im Feuilleton der F.A.Z. vom 7. Juli lese ich verwundert folgenden Satz:<\/p>\n<blockquote><p>Dass die Welt nicht so ist, wie sie der menschliche Wahrnehmungsapparat zurichtet, ist heute, in Zeiten der Hirnforschung und der evolution\u00e4ren Erkenntnistheorie, eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Heute? In Zeiten der Hirnforschung? Mit Verlaub, \u00fcber die Frage, ob die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen, haben die Philosophen seit \u00fcber zweitausend Jahren nachgedacht &#8211; mit ganz wunderbaren Ergebnissen. Eines davon ist das ber\u00fchmte H\u00f6hlengleichnis, das man am besten im Original nachlesen sollte: man findet es in Platons <em>Politeia<\/em>.<\/p>\n<p>Das philosophische Nachdenken \u00fcber die Bedingungen und Grenzen menschlicher Erkenntnis ist ureigenes philosophisches Terrain &#8211; es f\u00fchrt von Platon \u00fcber Kant bis zu Schopenhauer, \u00fcbrigens einem der gr\u00f6\u00dften (und am meisten untersch\u00e4tzten) Philosophen \u00fcberhaupt. Was wir heute erleben, ist der Versuch der Naturwissenschaften (nicht nur der Hirnforschung!), ihre Deutungs- und Erkenntnishoheit auf Bereiche auszudehnen, zu denen sie qua Naturwissenschaft nichts, aber auch gar nicht beizutragen hat. Dann kommt es zu so abstrusen Erfindungen wie dem &#8222;Gottes-Gen&#8220;, Hawkings &#8222;Beweis&#8220;, da\u00df Gott nicht existiert, und den zurecht sehr umstrittenen Thesen der Hirnforscher.<\/p>\n<p>Im Kern geht es hier darum, da\u00df die Naturwissenschaftler sich nur zu gern ein v\u00f6llig fremdes Territorium einverleiben m\u00f6chten. Ganz allgemein &#8222;als Menschen&#8220; d\u00fcrfen sie nat\u00fcrlich nach Herzenslust philosophieren oder \u00fcber das Transzendente nachdenken &#8211; aber eben nur so, wie jeder andere Mensch auch. In allen Dingen aber, die \u00fcber den engen Bereich der verifizierbaren und falsifizierbaren Wahrheiten hinausgehen, werden sie wieder zu Laien und stehen auf einer Stufe mit allen anderen Menschen. Das sind Bereiche, in die sie ihren Bonus als Naturwissenschaftler nicht mitnehmen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Erschreckend ist freilich immer wieder, wie unbedarft die meisten Naturwissenschaftler, vor allem die j\u00fcngeren, in philosophischen und theologischen Angelegenheiten sind. Ihre Zeitrechnung beginnt in etwa vor 200 Jahren &#8211; alles, was davor war, interessiert sie nicht, das ist f\u00fcr sie &#8222;vorwissenschaftlich&#8220;, mythisch, wenig mehr als poetischer Krimskrams. So zwingen sie sich selbst, das Rad immer neu zu erfinden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es, wie meistens, r\u00fchmliche Ausnahmen. Eine davon ist der Astrophysiker Harald Lesch. Er ist ein entschiedener (und sehr eloquenter!) Vertreter seiner Wissenschaft, aber seine Neugier geht weit \u00fcber das Fach hinaus, und er hat \u00fcberhaupt keine Scheu, mit Philosophen oder katholischen Theologen zu diskutieren. Man merkt ihm an, da\u00df er seine Wi\u00dfbegier nicht auf die Grenzen seines Fachbereichs beschr\u00e4nken will.<\/p>\n<p>Solche Naturwissenschaftler braucht das Land! Von den anderen, die \u00fcber zweitausend Jahre Philosophie ver\u00e4chtlich hinweggehen, haben wir mehr als genug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Buchbesprechung im Feuilleton der F.A.Z. vom 7. Juli lese ich verwundert folgenden Satz: Dass die Welt nicht so ist, wie sie der menschliche Wahrnehmungsapparat zurichtet, ist heute, in Zeiten der Hirnforschung und der evolution\u00e4ren Erkenntnistheorie, eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. 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