{"id":11558,"date":"2014-07-08T14:36:42","date_gmt":"2014-07-08T12:36:42","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=11558"},"modified":"2014-07-10T19:18:24","modified_gmt":"2014-07-10T17:18:24","slug":"jeder-grundschueler-kann-schreiben-wie-er-will-oder-ein-verbechen-an-der-kultur-wird-besichtigt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=11558","title":{"rendered":"Jeder Grundsch\u00fcler kann schreiben, wie er will &#8211; oder: ein Verbrechen an der Kultur wird besichtigt"},"content":{"rendered":"<p>Mi\u00dfbrauch von Kindern ist immer noch ein gro\u00dfes Thema. \u00dcberall liest und h\u00f6rt man davon: in den Zeitungen, vor Gericht und in jedem dritten &#8222;Tatort&#8220;.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Spielarten des Mi\u00dfbrauchs, die kaum jemand kennt. \u00dcber eine davon soll hier berichtet werden. Es ist ein Mi\u00dfbrauch, der vom Staat nicht nur geduldet, sondern seit Jahren sogar kr\u00e4ftig bef\u00f6rdert wird. Niemand bringt die T\u00e4ter vor Gericht, im Gegenteil: sie erfreuen sich in den Bundesl\u00e4ndern und in der didaktischen Wissenschaft hohen Ansehens &#8211; nicht <em>trotz<\/em>, sondern <em>wegen<\/em> ihres Mi\u00dfbrauchs unschuldiger Kinder.<\/p>\n<p>Die T\u00e4ter: das sind Vertreter der Grundschuldidaktik, die Schulb\u00fcrokratie, Lehrer &#8211; und Politiker. Vor allem &#8222;fortschrittliche&#8220; Politiker &#8211; von sozialdemokratisch \u00fcber gr\u00fcn bis links. Besonders SPD-Kultusminister tun sich beim Mi\u00dfbrauch hervor, aber selbst im konservativen Bayern (!) ist er inzwischen an der Tagesordnung. Man k\u00f6nnte sagen: es gibt in unserem Land einen fl\u00e4chendeckenden Mi\u00dfbrauch von Kindern, der von keinem Richter bestraft wird. Auch die Eltern, die ihre Kinder doch vor Mi\u00dfbrauch sch\u00fctzen m\u00fc\u00dften, schweigen fast immer.<\/p>\n<p>Worum geht es?<\/p>\n<p>Es geht um den Mi\u00dfbrauch unschuldiger Kinder durch eine Rechtschreibdidaktik, die ihnen ihre Zukunft nimmt.\u00a0 Gerade in den ersten drei Grundschuljahren, wenn die Kinder besonders lernbegierig und aufnahmef\u00e4hig sind, d\u00fcrfen sie nicht lernen, wie man W\u00f6rter richtig schreibt. Das hat es auf der Welt seit den Babyloniern und \u00c4gyptern noch nicht gegeben: eine Kulturnation verbietet es ihren Lehrern, den Kindern Rechtschreibung beizubringen. Die Lehrer d\u00fcrfen falsch Geschriebenes nicht mehr korrigieren. Drei lange Jahre lang schreibt jedes Grundschulkind (nach dem Motto &#8222;Schreibe, wie du sprichst!&#8220;) genau so, wie es will. Da tschilpt dann nicht der Spatz, sondern der <em>Schpatz<\/em>, das Schwein <em>grundst<\/em>, und niemand korrigiert es. Und auch an der Tafel steht es so! Wenn man wei\u00df, wie wichtig dem Menschen die visuelle Erfassung (auch von W\u00f6rtern!) ist, kann man sich ausmalen, was f\u00fcr einen Schaden dieser Unfug anrichtet.<\/p>\n<p>Ich habe, wie sicher viele, gedacht, da\u00df diese Barbarei auf die <em>fortschrittlich<\/em> regierten Stadtstaaten wie Berlin, Bremen und Hamburg beschr\u00e4nkt bleibt, die man inzwischen getrost zu den bildungsfernen Bundesl\u00e4ndern z\u00e4hlen darf. Aber weit gefehlt! Wie die von mir sehr gesch\u00e4tzte F.A.Z.-Redakteurin Heike Schmoll berichtet (Sie k\u00f6nnen den Artikel <a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/grundschulen-kuemmern-sich-kaum-um-rechtschreibung-13032906.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">hier<\/a> nachlesen, es lohnt sich!), ist dieser Unsinn inzwischen praktisch in ganz Deutschland (einschlie\u00dflich Bayern!) verbindlich. In den ersten drei Jahren der Grundschule darf jedes Kind &#8211; im Heft und an der Tafel &#8211; die W\u00f6rter schreiben, wie es will.<\/p>\n<p>Hauptsache, das Kind schreibt \u00fcberhaupt, scheinen diese Meister-Didaktiker zu denken, die man wohl selbst als eher bildungsfern einstufen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Drei Jahre lang also jeden Tag, jede Woche, jedes Schuljahr: v\u00f6llig falsch geschriebene W\u00f6rter an der Tafel &#8211; und dann, im vierten Jahr, also kurz vor dem \u00dcbergang auf die weiterbildenden Schulen, will man den Kindern auf die Schnelle den Unterschied zwischen richtig und falsch beibringen. Das kann nicht funktionieren &#8211; und es funktioniert auch nicht.<\/p>\n<p>Dann hagelt es, wie Frau Schmoll schreibt, bei den Sch\u00fclern, die ja bis dahin von <em>richtig <\/em>oder <em>falsch <\/em>nie etwas geh\u00f6rt haben, pl\u00f6tzlich schlechte Noten. Die Wirklichkeit holt die von der Wolkenkuckucksdidaktik seligen Kinder jetzt endg\u00fcltig ein. Besonders infam: den Kindern, die dank dieser abstrusen Didaktik im vierten Grundschuljahr versagen, wird dann eine Lese-Rechtschreibschw\u00e4che angedichtet, obwohl es der fortschrittliche Unterricht war, der zu ihrem Versagen gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Am Ende der Grundschulzeit w\u00fcrden die Kinder in Berlin &#8222;mit Phantasienoten an das Gymnasium entlassen&#8220;, wo ihr Scheitern schon vorprogrammiert ist. Es sind \u00fcbrigens durchweg \u00e4ltere Lehrer vor der Pensionierung, die sich trauen, \u00fcber diese Mi\u00dfst\u00e4nde \u00fcberhaupt zu reden.<\/p>\n<p>Was die Kinder gut k\u00f6nnten, sei das Pr\u00e4sentieren, sagt eine \u00e4ltere Lehrerin; die Rechtschreibleistung sei &#8222;katastrophal&#8220;. Eine Art Excel-P\u00e4dagogik h\u00e4lt \u00fcberall Einzug, und ich erinnere noch einmal an das wunderbar aufkl\u00e4rerische Buch &#8222;Digitale Demenz&#8220; von Manfred Spitzer.<\/p>\n<p>Weil die F.A.Z.-Redakteure auch nach dieser Problematik gefragt haben, hat man ihnen \u00fcbrigens an einer Berliner Schule sogar Hausverbot erteilt. Das nennt man schlechtes Gewissen!<\/p>\n<p>Das alles ist inzwischen unleugbar und nachpr\u00fcfbar. In Berlin, das eine sechsj\u00e4hrige Grundschule hat, verfehlen 75% der Drittkl\u00e4\u00dfler den Mindeststandard bei der Lesekompetenz &#8211; &#8222;von der Rechtschreibung gar nicht zu reden&#8220;. Das staatliche Schulsystem bringt offenbar immer mehr Analphabeten hervor &#8211; Kinder, die nur noch holprig lesen und schon gar nicht rechtschreiben k\u00f6nnen. Man mag das als wenig dramatisch einstufen &#8211; aber was es (kulturell und auch wirtschaftlich!) bedeutet, wenn mehrere Generationen von Sch\u00fclern daran gehindert werden, die einfachsten Kulturtechniken zu erlernen, das mag man sich gar nicht ausmalen.<\/p>\n<p><strong>Das ist Kindesmi\u00dfbrauch<\/strong> <strong>&#8211; und es ist ein Verbrechen an unserer Kultur.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mi\u00dfbrauch von Kindern ist immer noch ein gro\u00dfes Thema. \u00dcberall liest und h\u00f6rt man davon: in den Zeitungen, vor Gericht und in jedem dritten &#8222;Tatort&#8220;. 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