{"id":10688,"date":"2014-03-08T17:10:52","date_gmt":"2014-03-08T16:10:52","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=10688"},"modified":"2014-03-08T22:41:02","modified_gmt":"2014-03-08T21:41:02","slug":"wir-wollen-sein-ein-einig-volk-von-jaegern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=10688","title":{"rendered":"Noldes Batzen in der Brandung &#8211; oder: Wir wollen sein ein einig Volk von J\u00e4gern"},"content":{"rendered":"<p>Von Nazi-J\u00e4gern nat\u00fcrlich! Es gibt bei vielen Menschen bis heute wei\u00dfe Flecken (oder besser: braune) in ihrer Biographie. Das mu\u00df sich \u00e4ndern. Wer noch 1945 als jugendlicher Flakhelfer eingezogen wurde und dummerweise \u00fcberlebt hat, mu\u00df sich \u00f6ffentlich vor den Nachgeborenen rechtfertigen. Da sind die Nachgeborenen unbarmherzig. Wer sich aus Scham dar\u00fcber, da\u00df er (wie Millionen andere Deutsche) den braunen Rattenf\u00e4ngern auf den Leim gegangen ist, nicht sehr ausf\u00fchrlich \u00fcber &#8222;diese dunkle Zeit&#8220; in seinem Leben ge\u00e4u\u00dfert hat, mu\u00df damit rechnen, da\u00df man ihm seine Vergangenheit vorh\u00e4lt. Viele Medien beteiligen sich an dieser Jagd &#8211; und leider auch hin und wieder die (von mir sehr gesch\u00e4tzte) F.A.Z.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich las man im Feuilleton der <em>Frankfurter Allgemeinen<\/em> einen langen Artikel von Julia Voss \u00fcber die braune Vergangenheit des Malers Emil Nolde (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/kunst\/emil-nolde-im-frankfurter-staedel-mehr-sympathisant-als-widerstaendler-12831711.html\">hier<\/a> nachzulesen). Sie wirft ihm vor, da\u00df er sich nach dem Krieg &#8222;als Widerst\u00e4ndler stilisiert&#8220; habe. Das mag ja, im Interesse einer biographischen und historischer Aufarbeitung, durchaus legitim sein. Aber Frau Voss hat mehr im Sinn: mit dem &#8222;Sympathisanten&#8220; der Nazis will sie zugleich den Maler selbst besch\u00e4digen.<\/p>\n<p>&#8222;Was bleibt nun von seinem Werk?&#8220;, fragt sie &#8211; als sei das Werk eines K\u00fcnstlers von seiner politischen oder moralischen Einstellung abh\u00e4ngig. Wenn es danach ginge, d\u00fcrften wir keinen Film von Hitchcock mehr anschauen, und wir d\u00fcrften keinen Roman von Thomas Mann mehr lesen. Sollen wir nur noch die Romane moralisch einwandfreier Autoren lesen? Sollen wir nur noch Bilder von Malern betrachten, die sich im Leben politisch und privat korrekt verhalten haben? Was ist das f\u00fcr eine spie\u00dfb\u00fcrgerliche Einstellung, die da gerade in der j\u00fcngeren Generation unserer Journalisten um sich greift?<\/p>\n<p>Das k\u00fcnstlerische Werk, liebe Zeitungsschreiber, ist, sobald es der \u00d6ffentlickeit \u00fcbergeben ist, von seinem Autor getrennt &#8211; es ist abgenabelt, wie ein Baby. Der Autor bleibt zwar der Autor, der Maler bleibt der Maler, aber das Kunstwerk f\u00fchrt von jetzt an ein Eigenleben. Wer es nur \u00fcber den Autor definiert, unterliegt einer T\u00e4uschung (<em>fallacy <\/em>nennt man das in der angels\u00e4chsischen Literaturtheorie).<\/p>\n<p>Was haben Noldes politische Irrt\u00fcmer, die er ja mit nicht gerade wenigen Deutschen geteilt hat, mit der Qualit\u00e4t seiner Bilder zu tun? Und genau da wird der Artikel von Julia Voss ausgesprochen \u00e4rgerlich. Sie mag Noldes politische Haltung nicht (ich \u00fcbrigens auch nicht!), aber sie \u00fcbertr\u00e4gt diese Abneigung &#8211; reflektiert oder unreflektiert &#8211; auf die Bilder selbst.<\/p>\n<p>Der &#8222;Mythos&#8220;, sagt sie, habe die Bilder bis heute (bis zu ihrem Artikel?) vor Kritik gesch\u00fctzt. Sogar im Kanzleramt werde der &#8222;Nolde-Kult&#8220; betrieben. Damit will sie aufr\u00e4umen. Sie spricht vom &#8222;wuchtigen Klatschmohn&#8220; und von &#8222;fischsuppentr\u00fcber Strandlandschaft&#8220;, ein anderes Bild sei &#8222;getunkt in deutsches Gem\u00fctlichkeitsbraun&#8220;. Viele der Gem\u00e4lde k\u00f6nne man &#8222;nur mit viel Witz gut finden&#8220;. Immer wieder, sagt sie, &#8222;verklumpen&#8220; bei Nolde die Farben, Motive &#8222;wirken bem\u00fcht&#8220; und werden &#8222;mehrfach \u00fcbermalt&#8220;.<\/p>\n<blockquote><p>In \u201eMeerweib\u201c von 1922 ist die Badende ein Batzen in der Brandung. In \u201eKleine Sonnenblumen\u201c von 1946 starrt den Betrachter aus blauen Kreisen ein blondes Wesen mit abgeknicktem Kopf an. Um solche Bilder \u201egut\u201c zu nennen, m\u00fcsste man viel Humor aufbringen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie kommen solche Urteile zustande? Hier wird ganz einfach das negative Urteil \u00fcber die politische Moral des K\u00fcnstlers auf die Qualit\u00e4t seiner Bilder \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Da w\u00fcrde ich, ganz im Stil unserer Kanzlerin, sagen: das geht gar nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Nazi-J\u00e4gern nat\u00fcrlich! Es gibt bei vielen Menschen bis heute wei\u00dfe Flecken (oder besser: braune) in ihrer Biographie. Das mu\u00df sich \u00e4ndern. 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