{"id":10271,"date":"2014-01-23T18:13:06","date_gmt":"2014-01-23T17:13:06","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=10271"},"modified":"2014-01-23T22:19:14","modified_gmt":"2014-01-23T21:19:14","slug":"nackte-blicken-dich-an-prof-dr-andreas-englhart-und-das-theater-von-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=10271","title":{"rendered":"Nackte blicken dich an &#8211; Prof. Dr. Andreas Englhart und das Theater von heute"},"content":{"rendered":"<p>Das heutige Regietheater lebt parasit\u00e4r: ohne die Subventionen aus Steuermitteln w\u00e4re es mit ihm schnell zuende.<\/p>\n<p>W\u00e4re das schade? Wirklich nicht.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: wenn man will, da\u00df aus dem Pubert\u00e4tstheater von heute wieder ein wirklich kluges, aufgekl\u00e4rtes, inspirierendes Theater wird, dann sollte man die Subventionierung vielleicht (zumindest f\u00fcr einige Jahre) ganz streichen. Nur so k\u00f6nnte man die Verbindung von billigem Provokationstheater bei gleichzeitiger Finanzierung durch das von den Regisseuren im Grunde verachtete Steuerzahlerpublikum aufbrechen und den Herren Regisseuren deutlich sagen: WIR SIND DAS PUBLIKUM!<\/p>\n<p>Das Regietheater vertreibt die Menschen aus den Theatern, statt sie zum Kommen zu verleiten. Seine Position zu den St\u00fccken der dramatischen Weltliteratur ist die eines ewig Pubertierenden. Wer noch nicht erwachsen ist, mag diesen abendlichen Cocktail aus K\u00f6rpers\u00e4ften genie\u00dfen &#8211; f\u00fcr einen Erwachsenen ist es eine Zumutung.<\/p>\n<p>Aber viel schlimmer noch, als es die Auff\u00fchrungen selbst sind, sind die gro\u00dfspurigen Begr\u00fcndungen f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>1)\u00a0 PROVOKATION! Nehmen wir nur einmal den &#8222;nackten Mann auf der B\u00fchne&#8220;. Ein gewisser Prof. Englhart, seines Zeichens Universit\u00e4tsdozent, sagt in seinem Artikel &#8222;Zehn Gr\u00fcnde, warum Sie 2014 h\u00e4ufiger ins Theater gehen sollten&#8220; (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.de\/andreas-englhart\/zehn-grunde-warum-sie-2014-haufiger-ins-theater-gehen-sollten_b_4532803.html?utm_hp_ref=germany\">hier <\/a>nachzulesen):<\/p>\n<blockquote><p>Selbstverst\u00e4ndlich ist ein nackter Schauspieler, der leibhaftig ein paar Meter vor Ihnen steht und Sie anblickt, weit beeindruckender als ein Bildschirmnackter.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beeindruckender? Also, da kann man wirklich geteilter Meinung sein. Immerhin ist das Theater schon ein paar tausend Jahre ganz ohne Nackte ausgekommen, was der Herr Universit\u00e4tsdozent sicher wei\u00df. In den 60er und 70er Jahren mag Nacktheit als eine Form der Provokation noch gewirkt haben, aber heute? Wenn man in allen Medien von Nackten umgeben ist, w\u00e4re es doch wohl eher eine Provokation, einmal ein St\u00fcck <em>ohne Nacktheit <\/em>auf die B\u00fchne zu bringen! (Was <em>mutatis mutandis <\/em>auch f\u00fcr die K\u00f6rpers\u00e4fte gilt.)<\/p>\n<p>2)\u00a0 INFRAGESTELLEN!\u00a0 Ins Theater soll ich gehen, meint Prof. Englhart, weil<\/p>\n<blockquote><p>Regietheater durch Besetzung und Figurenzeichnung gegen die Erwartung (indem etwa eine Schauspielerin den Othello spielt) Stereotypen infrage stellt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ach jehchen! Dieses Spielen <em>gegen die Erwartung <\/em>ist doch l\u00e4ngst einer der \u00e4ltesten H\u00fcte des Theaters. Man kann sich als Zuschauer fest darauf verlassen, da\u00df jede Inszenierung immerfort meine Erwartungen in Frage stellen will. Und das soll jetzt neu oder aufregend sein? Nein &#8211; es ist einfach nur langweilig.<\/p>\n<p>3) VERST\u00d6REN!\u00a0 Das Theater, sagt der Herr Universit\u00e4tsdozent, mu\u00df verst\u00f6ren:<\/p>\n<blockquote><p>Das Geschehen auf der B\u00fchne sollte gerade in seiner F\u00e4higkeit, zu verst\u00f6ren, fremd zu sein, nicht zu passen und zum Nachdenken anzuregen, gesch\u00e4tzt werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Merken Sie, wie geschickt Prof. Englhart da die Dinge miteinander verquickt? &#8222;Zum Nachdenken anregen&#8220; kann Theater seiner Ansicht nach nur, wenn es verst\u00f6rt, wenn es &#8222;fremd&#8220; ist. Was f\u00fcr ein Unfug! Seit \u00c4schylos und Aristophanes hat Theater immer dann am meisten bewirkt, wenn es die Herzen anger\u00fchrt hat. Das Publikum anr\u00fchren, bewegen, das ist das Geheimnis des Theaters. Provokation kann, selbstverst\u00e4ndlich, dazugeh\u00f6ren. Niemand will auf der B\u00fchne nur noch pilchereskes Boulevardtheater sehen.<\/p>\n<p>Aber dieses stupide und kindische Provozieren, dieses pubert\u00e4tshafte &#8222;Verst\u00f6ren&#8220; des Publikums durch (doch wohl erwachsene) Regisseure, dieses 68erhafte Kopulieren, Masturbieren, Urinieren auf der B\u00fchne &#8211; das will doch keiner mehr sehen, der die Menschwerdung erfolgreich hinter sich hat.<\/p>\n<p>Darf ich nach dieser Philippika am Ende auch etwas Positives erz\u00e4hlen? Wir haben vor einer Woche im Frankfurter Cantatesaal Moli\u00e8res <em>Schule der Frauen<\/em> mit Michael Quast in der Hauptrolle gesehen. Es war eine Auff\u00fchrung in hessischer Mundart, aber wer jetzt meint, das sei dann eben so eine &#8222;volkst\u00fcmliche&#8220; Bearbeitung des Originals gewesen, t\u00e4uscht sich sehr. Dialekte sind ja viel ausdrucksvoller und gerade in Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferungen differenzierter und lebendiger als die Hochsprache. Und wenn dann ein Schauspieler wie Quast die Hauptrolle spielt, der (vollst\u00e4ndig bekleidet!) nur mit seiner Sprache, seiner Mimik, seinen Gesten, also mit seiner schauspielerischen Pr\u00e4senz auf der B\u00fchne steht, dann, lieber Herr Professor Englhart, kann man erleben, was Theater ist.<\/p>\n<p>Da pfeif ich auf Ihr Regietheater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das heutige Regietheater lebt parasit\u00e4r: ohne die Subventionen aus Steuermitteln w\u00e4re es mit ihm schnell zuende. W\u00e4re das schade? Wirklich nicht. 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